Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft e.V.

Dmitri Schostakowitsch, 12. September 1906   9. August 1975

Einer der Höhepunkte in Gohrisch 2019: Isang Ender (Cello) und Yekwon Sunwoo (Klavier). Foto: © Matthias Creutziger


Zehn Jahre Schostakowitsch Tage Gohrisch: Absolut umwerfend

Die Schostakowitsch Tage Gohrisch sind immer für Überraschungen gut. Dass dort inmitten einer traumhaft schönen Landschaft in schönster Regelmäßigkeit neu entdeckte Werke des russischen Jahrhundertkomponisten aus der Taufe gehoben werden – daran hat man sich beinahe schon gewöhnt. In diesem Jahr waren es das bezaubernde Jugendwerk „Im Wald“ des gerade mal 13-jährigen angehenden Kompositionsschülers, sowie zwei Romanzen, die wohl für den Film „Belinskij“ aus dem Jahr 1950 gedacht waren, aber keine Gnade vor Stalins Kulturaufsehern fanden. Sie verschwanden in irgendwelchen Moskauer Archiven, wo sie kürzlich von der russischen Musikwissenschaftlerin Olga Digonskaya aufgefunden wurden. Doch damit nicht genug: Zum zehnten Jubiläum des Festivals hatten dessen Leiter Tobias Niederschlag und sein Team noch einige weitere „Schmankerl“ in ein höchst ambitioniertes Programm eingewoben, das mit Dmitri Schostakowitsch, Serge Prokofjew und Igor Strawinsky die „Großen Drei“ der russischen Musik des 20. Jahrhunderts exponierte. So erklang mit der Suite für Varieté-Orchester Schostakowitschs vermutlich bekanntester Gassenhauer – der Walzer Nr. 2 – endlich auch einmal in der Konzertscheune. Außerdem gab es ein Dankeschön-Konzert bei freiem Eintritt für alle Gohrischer*innen, die ihr Festival seit mittlerweile einem Jahrzehnt auf alle erdenkliche Art und Weise unterstützen. Und schließlich kulminierte das auf vier Tage und acht Konzerte ausdehnte Jubiläumsprogramm in Improvisationen über Schostakowitschs 1960 im damaligen Gästehaus des DDR-Staatsrats geschriebenes achtes Streichquartett mit der Freejazz-Legende Günter Baby Sommer am Schlagwerk und seinem Partner Johannes Enders am Saxophon. Absolut umwerfend! Ach ja: Und wo, außer in dem kleinen Luftkurort nahe der tschechischen Grenze, bekommt man schon die Gelegenheit, mit Andris Nelsons einen der bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart an der Trompete zu erleben? 

Bereits der Auftakt war überwältigend. Dieser obliegt seit einigen Jahren der Sächsischen Staatskapelle, die in einem Vorabendkonzert – diesmal im Dresdner Kulturpalast – großsinfonische Werke Schostakowitschs zu Gehör bringt. Diesmal fiel die Wahl auf die 11. Sinfonie („Das Jahr 1905“) in thematisch nicht unbedingt zwingender Kombination mit Mozarts bekanntem Klavierkonzert d-Moll KV 466. Der im Programmheft hergestellte Stalin-Bezug wirkte jedenfalls arg bemüht. Kirill Gerstein, ein in den Vereinigten Staaten lebender Pianist mit russischen Wurzeln, interpretierte das effektvolle Werk mit kraftvoll-dramatisierenden Anschlag; vor allem die souverän gemeisterten Busoni-Kadenzen wussten zu gefallen. Wahre Begeisterungsstürme entfachte die Staatskapelle unter dem finnischen Dirigenten Sakari Oramo mit der fulminanten Darbietung von Schostakowitschs Elfter, eines durchaus nicht unproblematischen Werks, das sich im Spannungsfeld zwischen sozialistisch-realistischer Pflichterfüllung und tiefer Empathie für die Opfer autokratischer Gewaltherrschaft bewegend, auch vom Drama künstlerischer Selbstbehauptung in einem totalitären Zwangssystem kündet. Wie beklemmend aktuell und zugleich zutiefst irritierend die hierin aufgeworfenen Fragen sind, dürfte vor allem jenen Besuchern bewusst geworden sein, die kurz vor Konzertbeginn unfreiwillig Zeuge einer rechtspopulistischen Hassdemonstration gegen Bundeskanzlerin Merkel vor der benachbarten Frauenkirche wurden.

Isabell Karajan als Großvater in "Peter und der Wolf". Foto: © Matthias Creutziger

Von den Bedrohungen der Gegenwart war in der ländlichen Idylle der Sächsischen Schweiz zumindest vordergründig wenig zu spüren. Wobei es schon seinen Grund hatte, wenn Tobias Niederschlag in der Eröffnungsansprache seiner Dankbarkeit darüber Ausdruck verlieh, dass es im kleinen Gohrisch möglich ist, ein Festival für moderne Musik in einer Atmosphäre der Offenheit und Toleranz veranstalten zu können. Dass dies, selbst im großstädtischen Ambiente vermeintlich aufgeklärter Hochkultur, keineswegs selbstverständlich ist, musste kein geringer als Igor Strawinsky bei der skandalös niedergepfiffenen Erstaufführung seines „Sacre du Printemps“ 1913 in Paris erleben. Seine kurz danach komponierten „Drei Stücke für Streichquartett“ standen am Beginn des Kammerkonzertes, mit dem das Quatuor Danel die Musiktage am Donnerstagabend offiziell eröffnete. In Gohrisch war es nicht das Publikum, das pfiff, sondern ein in unmittelbarer Nähe der Konzertscheune residierendes Vogelmännchen, dem der kontrastreich-spröde Kammermusik-Erstling Strawinskys offenkundig ausgesprochen gut gefiel und dessen lebhafter Gesang Musikern wie Publikum gleichermaßen ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Wie sehr die großartig aufspielenden Danels sich dem russischen Repertoire verbunden fühlen, wurde auch bei ihrer beseelt-engagierten Interpretation von Serge Prokofjews erstem, Mieczylaw Weinbergs fünftem und Schostakowitschs achtem Streichquartett deutlich. Das Publikum dankte es ihnen mit jubelndem Applaus.

In Serge Prokofjews musikalischem Märchen „Peter und der Wolf“ spielt ebenfalls ein kleiner Vogel eine wichtige Rolle. Prokofjew komponierte das überaus populäre Stück 1936  kurz nach seiner endgültigen Rückkehr in die Sowjetunion. In Gohrisch war – und zwar auf engstem Raum – eine szenische Umsetzung des jugendlich-leichten Werkes zu bewundern, die der bezaubernden Rezitatorin Isabel Karajan unter Zuhilfenahme einiger weniger Requisiten, einem i-Phone, einem Beamer, einer Leinwand und vor allem mit ganz großer Schauspielkunst gelang. Staunenswert auch das vorzügliche Zusammenspiel mit der kapelle 21 unter der engagiert-umsichtigen Leitung von Petr Popelka. Nach der Pause gab zunächst das Raschèr Saxophone Quartet mit Alexander Glasunows Quartett für vier Saxophone eine Kostprobe seiner hohen Spielkultur. Das Konzert am Freitagabend war dem Andenken an den Baritonsaxophonisten Kenneth Coon gewidmet, der dem Quartett seit 1992 angehörte und am 14. Mai 2019 einer schweren Krankheit erlag. Nach Strawinskys „Dumbarton Oaks“ entließ die „kapelle 21“, ein Zusammenschluss junger Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit einer mustergültigen Interpretation von Schostakowitschs Suite für Varieté Orchester das Publikum schwungvoll in die laue Nacht.

Die Pflege und Verbreitung der Musik des polnisch-sowjetischen Komponisten Mieczysław Weinberg ist für Linus Roth eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit seinem Klavierpartner Florian Uhlig brachte der mehrfach preisgekrönte Violinist bei der Kammermatinee am Samstagvormittag „Zwei Lieder ohne Worte“ für Violine und Klavier zur Uraufführung. Weinberg hatte sie 1947 in einer Zeit überschäumender Produktivität geschrieben. Wie zuvor schon bei Prokofjews Sonate für Violine und Klavier und Strawinskys Divertimento für Violine und Klavier, bestach das Duo nicht nur mit perfektem Zusammenspiel, sondern vermochte den tief-humanistischen Geist der Kompositionen ausdrucksvoll zu vermitteln. Dies galt auch und gerade für die Sieben Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok op. 127, einem Hauptwerk Dmitri Schostakowitschs, zu dem sich noch der Cellist Emil Rovner und die britische Sopranistin Ilona Domnich auf die Bühne der Konzertscheune gesellten. Ihnen gelang eine überaus bewegende, nahezu atemloser Stille entgegenstrebende Interpretation dieses – nach Einschätzung Krzysztof Meyers ­ – vielleicht bedeutendsten Liederzyklus des 20. Jahrhunderts, dessen in völliger Introvertiertheit versinkendes Finale dann doch noch den Hauch eines Lichtstrahles freigab.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Dass dieser ausgerechnet auf das legendäre Borodin Quartett fiel, wird gerade die vielen Bewunderer der Moskauer Ausnahmekünstler geschmerzt haben. Zwar strahlte ihr Spiel große Souveränität und eine gepflegt-akademische Noblesse aus, doch hätte man sich gerade bei den Schostakowitsch-Quartetten 4 und 9 einen wesentlich entschlosseneren Zugriff gewünscht. Den lieferte dann am Abend der junge rumänische Pianist Daniel Clobanu – unglaublich, welche Klangkaskaden er bei Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ aus dem Steinway herausdonnerte. Aber auch die eher ruhigen, lyrischen Passagen, beispielsweise im Andante von Prokofjews zweiter Klaviersonate, gelangen ihm formidabel. Wohlverdiente Jubelstürme und Bravo-Rufe am Ende seines Konzertes. Daniel Clobanu – den Namen sollte man sich auf jeden Fall merken! 

Andris Nelsons mit Schostakowitsch-Preis. Foto: © Matthias Creutziger

Absolut verdient ist auch die Verleihung des diesjährigen Schostakowitsch-Preises Gohrisch an Andris Nelsons. Der Chefdirigent des Boston Symphony Orchestras und des Leipziger Gewandhausorchesters nahm die Auszeichnung am Sonntagnachmittag persönlich entgegen. Wie sehr Nelsons den in der Geschichte der Musik nahezu singulären philosophisch-weltanschaulichen Gehalt der Tonkunst Schostakowitschs zu durchdringen und herauszuarbeiten versteht, dokumentiert nicht zuletzt seine bereits hochdekorierte Neueinspielung der Sinfonien des großen Russen mit dem Boston Symphony Orchestra, die gegenwärtig sukzessive bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft erscheint.  Der Kulturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Jan Brachmann hielt eine ebenso  gedankenreiche wie tiefschürfende Laudatio. Einzig die Bemerkung über Schostakowitschs vermeintlich naiven Glauben an den Sozialismus, der in Wahrheit stets vom Primat eines  bedingungslosen Humanismus durchdrungen war, erscheint in einer Zeit, in denen die durch einen seelenlosen Neoliberalismus und enthemmten Turbokapitalismus hervorgerufenen gesellschaftlichen Verheerungen und sozialen Verwerfungen immer bedrückender werden, durchaus diskussionswürdig. Würdevoll umrahmt wurde die Preisverleihung mit Schostakowitschs Klavierquintett, darboten vom Dresdner Streichquartett und der Pianistin Lauma Skride.

„Experiment gelungen“, konstatierte last but not least ein von der Begeisterung des Publikums sichtlich berührter Günter Baby Sommer am Ende des denkwürdigen Abschlusskonzertes. Der begnadete Free-Jazz-Schlagzeuger hatte zuvor gemeinsam mit dem Saxophonisten Johannes Enders ein eineinhalbstündiges Programm mit Jazz-Improvisationen über Schostakowitschs berühmtes achtes Streichquartett zelebriert, das es wahrlich in sich hatte (und das  – hoffentlich! – schon bald auf Tonträger erscheinen wird). Ob nun bei Sommers ausgedehnten, hochvirtuosen Schlagzeugsoli, oder Enders brillanten, bisweilen sogar mehrstimmig vorgetragenen Saxophonspiel: Bisweilen traute man seinen eigenen Ohren nicht, was da für ein grandioses Feuerwerk musikalischer Ideen auf der Bühne der Konzertscheune gezündet wurde. Schostakowitsch goes Jazz – am Ende schienen die beiden Vollblut-Jazzer bei der Entgegennahme minutenlanger Standing Ovations selbst ein wenig darüber überrascht gewesen zu sein, wie ausgesprochen gut das funktioniert. Jedenfalls in Gohrisch… 

Karlheinz Schiedel

 

Begnadete Jazz-Improvisationen: Johannes Enders (Saxophon) und Günter Baby Sommer (Schlagzeug). Foto: © Matthias Creutziger


  

E-Mail