Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft e.V.

Dmitri Schostakowitsch, 12. September 1906   9. August 1975

Bücher

 Schostakowitsch und die beiden Avantgarden des 20. Jahrhunderts

Zweimal bekam Dmitri Schostakowitsch die Peitsche Stalins zu spüren, zweimal wurde ihm die Anwendung avantgardistischer Kompositionsmethoden und der Kontakt mit westlichen Komponisten verboten. „Formalismus“ und „Kosmopolitismus“ lautete 1936 und 1948 der Vorwurf gegen die sowjetischen Künstler. Wie Schostakowitsch darauf reagierte, mit Anpassung oder mit innerer Emigration, war lange umstritten. Die Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft hat in bisher 19 Symposien der Erforschung der Musik von Dmitri Schostakowitsch gewidmet.

Im neu erschienenen Band 12 sind die Forschungsergebnisse der beiden Symposien, die 2015 und 2017 in Berlin stattfanden, gesammelt und sich mit den vielfältigen Bezügen zwischen Schostakowitsch und den avantgardistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Unter der Lupe geben die Kompositionen oft erstaunliche Geheimnisse preis.

 Vladimir Gurewitsch analysiert die atonalen und dodekaphonen Elemente in der Ersten Klaviersonate und deren Nähe zu Hindemith. Adelina Yefimenko findet Parallelen zwischen den ersten Sinfonien von Schostakowitsch und des Ukrainers Boris Ljatoschinski. Gottfried Eberle zeigt den biographischen roten Faden in den „Aphorismen“ samt deren Nähe zur Todesahnung des letzten Streichquartetts. Gerhard Müller erzählt von der Verbindung der Vierten Sinfonie mit der Ermordung von Maxim Gorki. 

Bernd Feuchtner verfolgt die Entwicklung der Tanztypen von der Ironie zum Sarkasmus. Olga Dombrowskaja berichtet von dem seltsamen Fall der Lieferung absichtlich „dekadenter Avantgardemusik“ für einen Film. Brigitte Kruse untersucht das Missverständnis der Darmstädter Schule gegenüber Schostakowitsch. Johannes Schild analysiert die Verwendung von Zwölftonmusik im Früh- und im Spätwerk: Schostakowitschs Zwölftonfelder sind etwas anderes als Weberns Zwölftonreihen. Elisabeth Wilson geht Schostakowitschs Beziehung zu den italienischen Avantgardisten Maderna und Nono nach. Manuel Gervink schlägt eine Brücke von Wolfgang Rihm zu Schostakowitsch. Und vieles andere.

Schostakowitsch und die beiden Avantgarden des 20. Jahrhunderts;  Schostakowitsch-Studien, Bd. 12; herausgegeben von der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft; 248 S., 32 Euro, ISBN:  978-3-95593-105-6. Erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag 


Von beklemmender Aktualität

Endlich, ein Jahr nach dem englischen Original, ist Julian Barnes großartiger Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“ auf Deutsch erschienen. Der britische Erfolgsautor, der im vergangenen Jahr für sein Lebenswerk mit dem begehrten Siegfried-Lenz-Preis ausgezeichnet wurde, setzt sich in seinem neuen Werk ebenso kenntnisreich wie einfühlsam mit dem Leben des großen russischen Komponisten auseinander. 

Die Fragen, die er dabei aufwirft, sind - wie immer, wenn es um Schostakowitsch geht -  existenziell: Wie steht es um moralische Integrität, um persönlichen Mut und menschliche Aufrichtigkeit, um künstlerische Wahrhaftigkeit in einer von staatlicher Repression und um sich greifender Niedertracht vergifteten Wirklichkeit? Tiefdunkle, längst überwundene, gleichsam abgehakte Vergangenheit? Mitnichten! In einer Zeit, in der einmal mehr viele Künstler, Intellektuelle, Journalisten, Andersdenkende von egomanischen Autokraten und nach Macht gierenden Populisten mit beängstigender Aggressivität als „Feinde des Volkes“ denunziert werden, ist Barnes biografischer Künstlerroman von geradezu beklemmender Aktualität. Eine ausführliche Besprechung dieses bemerkenswerten Buches finden Sie hier: 

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat eine Leseprobe ins Netz gestellt: 

Das deutschsprachige Feuilleton hat sich bereits ausführlich mit der Neuerscheinung beschäftigt. Eine kleine Auswahl der wichtigsten Beiträge:

Rezension von Martin Halter in der Badischen Zeitung 

Rezension von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung 

Rezension von Werner Theurich auf Spiegel Online 

Rezension von Marco Frei in der Neuen Zürcher Zeitung 

Rezension von Michael Maar auf Zeit online 

Interview mit Julian Barnes auf Welt.de 

Rezension von Beat Mazenauer auf Literaturkritik.de 

Rezension von Wolfgang Schneider in Der Tagesspiegel 

Rezension von Martin Oehlen in der Frankfurter Rundschau  


Schostakowitsch-Studien Band 10 und 11

Die Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft hat im Jahr 2015 die Bände 10 und 11 ihrer Reihe "Schostakowitsch-Studien" vorgelegt. Band 10 beschäftigt sich mit den Gattungen Lied und Filmmusik, die beide einen wichtigen Stellenwert im Gesamtwerk Schostakowitschs haben. Band 11 widmet sich der persönlichen und musikalischen Beziehungen zwischen Dmitri Schostakowitsch und anderen Komponisten. Beide Bücher enthalten Referate der Internationalen Musikwissenschaftlichen Symposien, die die Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft in den Jahren 2005, 2007, 2011 und 2013 veranstaltet hat. Die Musikwissenschaftler und Theoretiker aus Deutschland, Österreich, Russland und Polen, deren Texte hier veröffentlicht werden, haben sich bereits durch zahlreiche Publikationen über das Leben und Schaffen des großen russischen Komponisten als bedeutende Schostakowitsch-Forscher profiliert. 

Band 10: „Schostakowitsch-Aspekte - Analysen und Studien“, ISBN: 978-3-936637-29-8 

Das Inhaltsverzeichnis als pdf-Datei von Band 10 finden Sie hier   

Band 11: „Schostakowitsch, Prokofjew und andere Komponisten“, ISBN: 978-3-936637-30-4 

Das Inhaltsverzeichnis als pdf-Datei von Band 11 finden Sie hier 

Info: Der Verleger Ernst Kuhn verstarb plötzlich und unerwartet, ohne seine Nachfolge geregelt zu haben. Nach seinem Tod wurde sein Verlag vom Vermieter offenbar entsorgt, d.h. das gesamte Lager und das Textarchiv wurden vernichtet. Deshalb sind bedauerlicherweise alle von ihm verlegten Bücher weder im Buchhandel noch bei der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft erhältlich. Wir verweisen auf öffentliche Bibliotheken oder auf Antiquariate.

 

Die Lebenserinnerungen eines großen Bratschisten

Fjodor Serafimowitsch Druschinin (1932 - 2007) verband eine lebenslange Freundschaft mit Dmitri Schostakowitsch. Der russische Bratschist und Komponist studierte am Moskauer Konservatorium bei Wadim Borissowski, dessen Platz im legendären Beethoven Streichquartett er ab 1964 einnahm. Das Beethoven Quartett hat fast sämtliche Streichquartette Schostakowitschs uraufgeführt, als Dank und Anerkennung für die langjährige künstlerische Zusammenarbeit und zum Zeichen der tiefen persönlichen Freundschaft hat Schostakowitsch einige seiner Quartette den Mitgliedern des Beethoven Quartetts gewidmet.  Fjodor Serafimowitsch Druschinin ist zudem Widmungsträger von Schostakowitschs letztem Werk, der Sonate für Viola und Klavier op. 147. Die Association Internationale „Dimitri Chostakovitch“ Paris legt nun erstmals die englische Übersetzung der Lebenserinnerungen dieses bedeutenden Künstlers und Wegbegleiters Schostakowitschs vor.  Das Buch ist ausschließlich per Bestellung bei der Association Internationale „Dimitri Chostakovitch“ erhältlich und kostet 30 Euro (inkl. Porto). Um Vorauszahlung wird gebeten an:

Philippe Uettwiller

IBAN:  FR40 3000 2008 0400 0002 0324 G07

BIC:  CRLYFRPP

Bei der Bezahlung bitte die genaue Anschrift angeben. Das Buch wird zugesandt, sobald das Geld eingegangen ist. Man kann die Bestellung per Mail ankündigen an: Emmanuel.Utwiller@chostakovitch.org


Von der Willkür des Schicksals 

Immer wieder inspirieren Leben und Werk Dmitri Schostakowitschs Schriftsteller in aller Welt zu dichterischer Auseinandersetzung. Zuletzt waren es die beiden Amerikaner William T. Vollmann mit seinem epochalen Roman „Europe Central“ und Richard Powers mit seinem die musikalische Avantgarde durchleuchtenden „Orfeo“, sowie die in Berlin lebende Neuseeländerin Sarah Quigley mit „Der Dirigent“, die dem großen Russen ein literarisches Denkmal setzten. Auch „The Noise Of Time“, der Ende Januar 2016 auf Englisch erschienene neue Roman von Julian Barnes, rückt Schostakowitsch ins Zentrum, wobei  sich der britische Erfolgsautor besonders mit den für den Komponisten ebenso dramatischen wie schicksalsschweren Ereignissen der Jahre 1936/37, 1948 und 1960 beschäftigt. Das englischsprachige Feuilleton ist voll des Lobes:  „A masterpiece of biographical fiction“, urteilt Alex Preston im „Observer“, „A compelling novel about art and power, courage and cowardice, and the capriciousness of fate…” resümiert Sebastian Shakespeare im „Tatler”. Die Literaturkritikerin Catriona Kelly bespricht Julian Barnes neues Buch ausführlich auf Pospectmagazin.co.uk 

Zur Autorenwebsite: 

Eine Rezension der im Februar 2017 erschienen deutschsprachigen Ausgabe finden Sie hier:


Rudolf Barschai zum Gedenken

Am 2. November 2015 jährt sich zum fünften Mal der Todestag des großen Dirigenten Rudolf Barschai. Rudolf Barschai verband eine tiefe Freundschaft mit Dmitri Schostakowitsch, dessen Symphonie Nr. 14 er mit seinem Moskauer Kammerorchester am 29. September 1969 in Leningrad uraufführte. Legendär sind seine einfühlsamen und authentischen Bearbeitungen von Kammermusikwerken von Dmitri Schostakowitsch und Serge Prokofjew.  Seine 1999 erschienene Gesamteinspielung der Schostakowitsch-Symphonien mit dem WDR Sinfonieorchester wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert. In Anerkennung seiner großen Verdienste um die Verbreitung und Popularisierung der Werkes Dmitri Schostakowitschs verlieh im die Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft die Ehrenmitgliedschaft.

In diesem Herbst rückt das Leben und Wirken Rudolf Barschais durch zwei Neuveröffentlichung  in den Fokus der Musikwelt. Das Label ICA-Classics widmet ihm und seinem Schaffen eine 20-CD-Box „A Tribute To Rudolf Barshai“, die ab November 2015 im Handel erhältlich sein wird und der deutsche Musikwissenschaftler und Schostakowitsch-Kenner Bernd Feuchtner (Dmitri Schostakowitsch  – „Und Kunst geknebelt von der groben Macht“) macht mit einem neuen Buch: „Rudolf Barschai – Leben in zwei Welten: Moskaus goldene Ära und Emigration in den Westen“ von sich reden. 

Rudolf Barschai und das Moskauer Kammerorchester unter seiner Leitung standen zwei Jahrzehnte lang weltweit für Musik auf höchstem Niveau. Als Bratschen-Virtuose musizierte er mit Swjatoslaw Richter, David Oistrach, Emil Gilels, Mstislaw Rostropowitsch, Mieczysław Weinberg, Dimitri Schostakowitsch. Doch dann ertrug er die Schikanen der Sowjetbürokratie nicht länger, emigrierte in den Westen und machte als britischer Staatsbürger eine zweite Karriere als Interpret großer Sinfonik. In zahlreichen Gesprächen mit Bernd Feuchtner erzählte Rudolf Barschai sein bewegtes Leben in diesen beiden Welten – das Bekenntnis eines klugen Musikers, der Bericht eines wachen Zeitzeugen, ein Stück russischer Literatur. Zur Website des Verlags: 


Michael Jurowski - Dirigent und Kosmopolit

Michail Jurowski, der 1945 in Moskau geborene Dirigent und Kosmopolit, gehört zu den wichtigsten Schostakowitsch-Interpreten weltweit. Den Internationalen Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch ist Jurowski, der seine Karriere Ende der 60er Jahre als Assistent von Gennadi Roschdestwenski beim Großen Sinfonieorchester des Staatlichen Rundfunks und Fernsehens der UdSSR in Moskau begann, in besonderer Weise verbunden.

 Beim Eröffnungskonzert der Festival-Premiere sprang er für den erkrankten Rudolf Barschai ein, 2012 wurde er für sein vielfältiges Engagement und künstlerisches Wirken mit dem Schostakowitsch Preis Gohrisch ausgezeichnet. Kurz vor seinem 70. Geburtstag sind nun die Lebenserinnerungen des großen Dirigenten erschienen. 

In Gesprächen mit Michael Ernst erinnert er sich an seine frühen Begegnungen mit den Größen des sowjetischen Kulturlebens, an den Alltag in der Diktatur und den Neuanfang im Westen, unter anderem in Berlin (Komische Oper), Dresden (Semperoper), Leipzig (Opernhaus) und Köln (WDR Rundfunkorchester). Er reflektiert Fragen zu Judentum und Politik sowie nicht zuletzt zur Musik in all ihren Facetten. Über die kürzlich erschienene Autobiographie und einige neue Entwicklungen rund um die Schostakowitsch Tage Gohrisch berichtet die Sächsische Zeitung. 


In der Reihe "Schostakowitsch-Studien" sind bisher erschienen:

Ernst Kuhn Verlag:

Michael Koball, Pathos und Groteske: Die deutsche Tradition im symphonischen Schaffen Dmitri Schostakowitschs. Kuhn Berlin 1997. studia slavica musicologica 10 (Inhaltsverzeichnis

Band 1: Schostakowitsch in Deutschland. studia slavica musicologica 13, 1998

Band 2: Dmitri Schostakowitsch - Komponist und Zeitzeuge ssm 17, 2000

Band 3: Dmitri Schostakowitsch und das jüdische musikalische Erbe (Andreas Wehrmeyer; Günter Wolter) ssm 18, 2001

Band 4: Das zeitlose Spätwerk (Sebastian Klemm) ssm 20, 2001

Band 5: Schostakowitschs Streichquartette – Ein internationales Symposium ssm 22, 2001

Band 6: Schostakowitsch und die Folgen – Russische Musik zwischen Anpassung und Protest ssm 32, 2003

Band 7: Einführung in die Klaviermusik von Dmitri Schostakowitsch (Alexander Alexejew/Wiktor Delson) ssm 44 (nicht erschienen)

Band 8: Die Opern Dmitri Schostakowitschs (Sigrid Neef) ssm47, 2010

Band 9: Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" (Katerina Ismailowa) und ihre Inszenierungen (Rüdiger Haußmann) ssm 50, 2011

Band 10: Schostakowitsch-Aspekte - Analysen und Studien ssm 54, 2014

Band 11: Schostakowitsch, Prokofjew und andere Komponisten ssm 55, 2014

Wolke-Verlag:

Band 12: Schostakowitsch und die beiden Avantgarden des 20. Jahrhunderts


Weitere Tagungsbände:

Manuel Gervink, Jörn Peter Hiekel (Hrsg.): Dmitri Schostakowitsch. Das Spätwerk und sein zeitgeschichtlicher Kontext. Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden 2006

Hartmut Hein, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Schostakowitsch und die Symphonie. Referate des Bonner Symposions 2004. Peter Lang 2007

Melanie Unseld, Stefan Weiss (Hrsg.): Der Komponist als Erzähler. Narrativität in Dmitri Schostakowitschs Instrumentalmusik. Ligaturen Band 2. Georg Olms Verlag Hildesheim 2008  

Shostakovich Studies, Edited by David Fanning. Cambridge University Press, 1995

Shostakovich Studies 2, Edited by Pauline Fairclough. Cambridge University Press, 2010

 

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