Nachrichten aus dem Jahr 2017

 

Versteckte Botschaften in Schostakowitschs Musik

Zwischen Dmitri Schostakowitschs 9. und 10. Sinfonie liegen Welten. Heiter-ironisch, wie ein „musikalischer Spaß“ kommt die eine daher, düster-melancholisch, grüblerisch die andere. In den acht Jahren, die zwischen der Entstehung dieser beiden, auf den ersten Blick so ungleichen Musikwerke vergingen, war viel geschehen: die Erleichterung der Menschen in der Sowjetunion über den unter ungeheuren Opfern errungenen Sieg über Hitlerdeutschland und den Faschismus war tiefer Ernüchterung gewichen, Stalins Terrorregime hatte erneut die Daumenschrauben angezogen. Über Europa, diesen durch zwei schreckliche Kriege, verbrecherische Diktaturen und wirtschaftliche Krisen so vollständig ruinierten Kontinent, hatte sich der Eiserne Vorhang gesenkt und ihn in zwei scheinbar unverrückbare Blöcke zerschnitten, die einander zunehmend feindlich gegenüberstanden.

Wie kaum ein anderer Komponist reflektierte Schostakowitsch in seiner Musik die geschichtlichen Ereignisse und Entwicklungen seiner Zeit. In zwei bemerkenswerten Beiträgen für die Neue Zürcher Zeitung und BR-Klassik haben sich der Schweizer Musikwissenschaftler Jakob Knaus und der lettische Dirigent Andris Nelsons mit der 9., beziehungsweise der 10. Sinfonie Dmitri Schostakowitschs auseinandergesetzt. Während Knaus in seiner akribischen Analyse der Neunten eine sehr spezielle und überaus mutige „Widmung“ an Stalin entdeckt - in der sich der „Weiseste der Weisen“ als Esel entpuppt, reflektiert Nelsons die Zehnte im Spiegel seiner eigenen Geschichte und der seiner Familie. Und kommt zu dem Schluss: „Schostakowitsch war ein genialer Komponist, deshalb kann man seine Musik auch ohne ihre zeitgebundene Bedeutung verstehen. Zugleich kann man sie auch auf die politische Gegenwart beziehen. Wenn man das heute spielt, denkt man: Mein Gott, wie viele Parallelen gibt es zu dem, was wir erleben!“

Andris Nelsons über Schostakowitschs Zehnte:

Jakob Knaus über das Geheimnis von Schostakowitschs 9. Sinfonie:



Vier Uraufführungen in Gohrisch

Viele Freunde der Musik Dmitri Schostakowitschs werden sich den Termin schon längst rot im Terminkalender angestrichen haben: Vom 23. bis. 25. Juni 2017 finden die 8. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch statt. Das weltweit einzige regelmäßig stattfindende Festival, das der Musik des großen russischen Komponisten gewidmet ist, hat sich längst einen festen Platz im internationalen Konzertkalender erobert und lockt alljährlich zahlreiche Schostakowitsch-Fans aus aller Welt in die Sächsische Schweiz. Das Festivalprogramm hält in diesem Jahr zahlreiche Neuheiten bereit: Neben den Musikerinnen und Musikern der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die natürlich wieder mit von der Partie sind, werden zahlreiche Gäste ihr Debüt in Gohrisch geben – darunter so namhafte Künstler wie der Dirigent Thomas Sanderling, die Geiger Dmitri Sitkovetsky und Linus Roth, die Pianisten Alexander Melnikov und Elisaveta Blumina oder das Raschèr Saxophone Quartet. Auch musikalisch gibt es Neues zu entdecken: Neben Dmitri Schostakowitsch stehen die Komponisten Mieczysław Weinberg und Sofia Gubaidulina im Fokus – und das Programm hält vier Uraufführungen bereit. 

Neu ist das Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper, am 22. Juni 2017, dem Vorabend des Festivals. Hierbei wird Dirigentenlegende Gennady Rozhdestvensky, der Preisträger des Gohrischer Schostakowitsch-Preises 2016, die erste und die 15. Symphonie Dmitri Schostakowitschs dirigieren. Damit hält erstmals auch die großbesetzte Symphonik Schostakowitschs Einzug in das Festivalprogramm. 

Wie der künstlerische Leiter Tobias Niederschlag bei der Vorstellung des Festivalprogramms am 15. Februar bekannt gab, befindet sich unter den Uraufführungen auch ein Stück von Dmitri Schostakowitsch. Dabei handelt es sich um drei Orchester-Zwischenspiele, die er für seine im Sommer 1928 vollendete Oper „Die Nase“ komponierte. Sie fanden am Ende aber doch keine Verwendung und waren erst 2015 wieder entdeckt worden. Zwei dieser Fragmente hatte der russische Musikwissenschaftler Levon Hakobian im September 2015 beim XVII. Musikwissenschaftlichen Symposium der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft in Berlin kurz vorgestellt.

Das genaue Programm der diesjährigen Schostakowitsch Tage Gohrisch finden Sie hier:


Schostakowitsch und Ljatoschynskyj im musikalischen Dialog 

Am Samstag, 11. Februar 2017 findet um 19.30 Uhr ein Konzert für Violine und Klavier mit Werken von Dmitri Schostakowitsch und Borys Ljatoschynskyj in der Münchner Philharmonie (Kleiner Saal, Gasteig) statt. Es werden vier Präludien für Klavier, op. 44, die Sonate für Violine und Klavier, op. 19 von Boris Ljatoschynskyj und die Sonate für Violine und Klavier, op. 134 von Dmitri Schostakowitsch aufgeführt. Der Eintritt ist frei. 

Solisten sind die Violinistin Lviv Lydia Shutko, Professorin an der Mikola-Lysenko-National-Musikakademie und  der Pianist Ivan Franko, Professor an der National-Universität in Lviv. Das weltbekannte Duo feierte im Jahr 2014 sein 20-jähriges Jubiläum. In München sind diese herausragenden ukrainischen Musiker längst keine Unbekannten mehr. Das Duo gastierte bereits mit einem Beethoven-Programm  in der Münchner Philharmonie und führte dort auch kaum bekannte Werke ukrainischer Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts auf. Es war ein ganz außergewöhnliches Ereignis.

Die Musikalische Dialoge von Schostakowitsch und Ljatoschynskyj finden in Deutschland zum ersten Mal statt. Das Projekt der Ukrainischen Freien Universität München  versucht in einer schwierigen politischen Situation, die momentan die Ukraine erlebt, zu zeigen, wie kulturelles und künstlerisches Engagement positiv wirkt, um intellektuelle und künstlerische Kräfte zusammenzubringen. Überdies darf nie aufgehört werden, vor totalitäreren Systemen zu warnen. In solch einer Gesellschaft haben Schostakowitsch und Ljatoschynskyj gelebt, gearbeitet und gelitten. Eine ausführliche Einführung der ukrainischen Musikwissenschaftlerin Adelina Yefimenko finden Sie hier 


Grammy für Schostakowitsch-Einspielung 

Der lettische Dirigent Andris Nelsons und das Boston Symphonie Orchestra wurden in Los Angeles mit dem Musik-Award Grammy 2017 in der Kategorie „Beste orchestrale Ausführung“ ausgezeichnet. Der designierte Gewandhauskapellmeister erhielt die begehrte Auszeichnung für seine bei der Deutschen Grammophon erschienenen Einspielung von Dmitri Schostakowitschs Symphonien Nr. 5, 8 und 9. Schon im Vorjahr wurde Andris Nelsons Aufnahme von Schostakowitschs Symphonie Nr. 10 mit einem Grammy dekoriert. Der Preis gilt als die höchste internationale Auszeichnung für Künstler und Aufnahmeteams. Er ist von der Bedeutung vergleichbar mit dem Oscar in der Filmindustrie. 


Ein einziger Leidensschrei

Im Mai 2015 brillierte Frank Peter Zimmermann gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Mariss Jansons mit Dmitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 2 cis-Moll op. 129. Das Konzert wurde live in zahlreichen Kinos übertragen. Nun legt der gefeierte deutsche Violinist eine Neueinspielung beider Violinkonzerte Dmitri Schostakowitschs nach - diesmal zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Alan Gilbert. Guido Fischer lobt die „tolle, bewegende Aufnahme“ in einer Rezension für das Rondomagazin. Die großartige Kadenz im dritten Satz des Violinkonzerts Nr. 1 a-Moll, op. 77 interpretiere der Solist wie einen einzigen Leidensschrei des Komponisten.   


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