Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft e.V.

Dmitri Schostakowitsch, 12. September 1906   9. August 1975

Das Jahr 2021

Die Schostakowitsch Tage Gohrisch finden diesmal in Dresden-Hellerau statt

Gidon Kremer. Foto: (c) Angie Kremer

Die gute Nachricht vorweg: Die Schostakowitsch Tage Gohrisch finden auch im Corona-Jahr 2021 statt, und zwar nicht nur online oder via TV-Übertragung, sondern wieder vor richtigem Publikum. Die weniger gute: Das diesjährige Festival kann pandemiebedingt nicht in der Konzertscheune Gohrisch stattfinden, sondern muss in das Europäische Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau verlegt werden. Außerdem gehen wegen der begrenzten Kapazität im Festspielhaus Hellerau (maximal 120 Plätze) nur wenige Restkarten in den freien Verkauf. Wer dabei sein möchte, sollte sich also sputen: Der Vorverkauf beginnt am 10. Juni 2021; das Festival findet – wie geplant – vom 24. bis 27. Juni statt.

Die Schar der Solisten und Ensembles, die für das Festival 2021 gewonnen werden konnten, ist erneut prominent besetzt. Die Geiger Gidon Kremer und Dmitry Sitkovetsky werden ebenso erwartet wie die Pianisten Yulianna Avdeeva und Dmitry Masleev, die Quartettformationen Quatuor Danel und das Borodin Quartet sowie kapelle21 unter der Leitung von Petr Popelka.

Auf dem Programm stehen unter anderem von Dmitri Schostakowisch die Streichquartette 1, 2, 5, 11 und 12, die sechs Romanzen nach Gedichten von Alexander Blok, zehn neuentdeckte Klavierstücke des jungen Komponisten, die im vergangenen Jahr per Live-Stream uraufgeführt wurden, eine frühe Beethoven-Bearbeitung für Streichorchester, sowie eine Auswahl aus den 27 Romanzen und Lieder von Rossini, Beethoven, Bizet, Mussorgsky, Rimsky-Korsakow u.a., die Schostakowitsch 1941 für Soldatenkonzerte bearbeitet und arrangiert hatte. 

Von Schostakowitschs langjährigem Komponistenfreund Mieczysław Weinberg erklingen zudem dessen 2. Symphonie und sein Klavierquintett op. 18.

Ausführliche Informationen zum Programm und zum Vorverkauf finden Sie auf der Webseite des Veranstalters Schostakowitsch Tage Gohrisch e.V. 

Die Programmbroschüre als pdf-Download   


Schostakowitsch-Tage 2021: Endlich wieder vor Publikum

Tobias Niederschlag und die Leiterin des Moskauer Schostakowitsch-Archivs r. Olga Digonskaya_ (c) Matthias CreutzigerTobias Niederschlag und die Leiterin des Moskauer Schostakowitsch-Archivs Olga Digonskaya. Foto: (c) Matthias Creutziger

Mit einem vom Publikum frenetisch beklatschten Kammerkonzert unter der Mitwirkung von Gidon Kremer, Madara Pētersone (beide Violine) und Georgijs Osokins (Klavier) gingen die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch am Nachmittag des 27. Juni 2021 zu Ende. Pandemiebedingt fand die 12. Ausgabe des bis heute einzigen Schostakowitsch-Festivals weltweit im Festspielhaus Hellerau statt. Sieben Konzerte und eine Filmvorführung mit der Deutschland-Premiere des Dokumentarfilms „A Journey of Dmitry Shostakovich“ von Oksana Dvornichenko und Helga Landauer standen vom 24. bis 27. Juni auf dem Programm des diesjährigen Festivals. Alle Konzerte waren mit annähernd 200 Besuchern nahezu ausverkauft. Neben dem Orchesterkonzert mit kapelle21 unter der Leitung von Petr Popelka begeisterten das Quatuor Danel, das Borodin Quartet, die Pianisten Yulianna Avdeeva und Dmitry Masleev sowie der Geiger Dmitry Sitkovetsky, der Cellist Friedrich Thiele und die beiden Sängerinnen Julia Sitkovetsky (Sopran) und Anna Kudriashova-Stepanets (Mezzosopran) ihr Publikum im Festspielhaus Hellerau.

Mit dem Internationalen Schostakowitsch Preis Gohrisch wurde die Leiterin des Moskauer Schostakowitsch-Archivs Dr. Olga Digonskaya auszeichnet, die inzwischen mehr als 300 bislang unentdeckte Manuskripte aus der Feder von Schostakowitsch ausfindig gemacht hat – darunter neun jugendliche Klavierwerke von Schostakowitsch, die nach ihrer Streaming-Premiere im Jahr 2020 nun erstmals von Yulianna Avdeeva und Dmitry Masleev vor Publikum aufgeführt wurden. Eine weitere Uraufführung von Schostakowitsch war im Konzert mit kapelle21 zu erleben, als erstmals Schostakowitschs Streichorchesterbearbeitung des langsamen Satzes aus der Klaviersonate op. 13 („Pathétique“) von Ludwig van Beethoven erklang. In ihrer Dankesrede bekannte Olga Digonskaya: „Seit ich im Jahr 2017 erstmals in Gohrisch war, hat sich eine echte Freundschaft zu Tobias Niederschlag und den Schostakowitsch Tagen entwickelt. Ich freue mich schon auf die kommenden Jahre, und ich bin sicher, in Gohrisch werden weitere Schostakowitsch-Entdeckungen ihre Premiere erleben.“

Tobias Niederschlag, Künstlerischer Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch: „Wir sind überglücklich darüber, dass unser Festival in diesem Jahr wieder vor Publikum stattfinden konnte! Das war so vor wenigen Wochen noch nicht absehbar. Die Konzentriertheit und Begeisterungsfähigkeit unseres Publikums sind einmalig. Das stellen auch alle Künstler fest, die zu uns kommen. Diese besondere Atmosphäre ist ganz sicher ein maßgeblicher Grund dafür, dass jedes Jahr von Neuem Weltklassekünstler ohne Honorar bei den Schostakowitsch Tagen auftreten.“

Die 13. Ausgabe der Internationalen Schostakowitsch Tage findet vom 30. Juni bis 3. Juli 2022 statt, dann wieder am Ursprungsort des Festivals, in der Konzertscheune in Gohrisch.  Matthias Claudi

Einen ausführlichen Bericht von Martin Morgenstern lesen Sie auf der Seite Musik in Dresden

"Ein Mann voll Angst schreibt Mutmacher" überschreibt Michael Ernst seine Rezension in der FAZ

Das Quatuor Danel brillierte mit den Schostakowitsch-Quartetten 2 und 5. Foto: (c) Matthias Creutziger


Klaviersonaten von Dmitri Schostakowitsch und Karol Rathaus

In einem denkwürdigen Konzert im Rahmenprogramm des 19. Musikwissenschaftlichen Symposiums der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft stellte der in Berlin lebende Pianist Vladimir Stoupel am 13. September 2019 in der Mendelssohn-Remise in Berlin Klavierwerke Dmitri Schostakowitschs und des polnischen Komponisten Karol Rathaus gegenüber. Mitte September bringt der in Russland geborene Pianist in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk Köln jetzt eine Doppel-CD heraus, die erneut gewichtige Klavierkompositionen der beiden Komponisten vereinigt: von Dmitri Schostakowitsch die beiden Klaviersonaten Nr.1, op 12 und Nr. 2, op 62. und von Karol Rathaus die Klaviersonaten Nr. 1, po 2 und Nr. 3, op. 20. Eine überaus reizvolle Gegenüberstellung und Neu-, bzw. Wiederentdeckung. Vladimir Stoupel schreibt im Booklett der Doppel-CD:

„Obwohl Karol Rathaus (1895-1954) und der elf Jahre jüngere Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) Zeitgenossen waren, könnten ihre Lebensläufe unterschiedlicher nicht sein. Beide stehen allerdings exemplarisch für das von Katastrophen, Vernichtung und Verfolgung geprägte 20. Jahrhundert, was eine Gegenüberstellung ihres Schaffens folgerichtig erscheinen lässt. Geboren in Tarnopol (damals Österreich-Ungarn) in einer polnisch-jüdischen Familie, beginnt Karol Rathaus schön früh zu komponieren. An der Akademie für Darstellende Kunst und Musik Wien nimmt er 1913 sein Studium auf, das jäh durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wird: Vier Jahre lang muss er in der österreichischen Armee dienen. Als einer der Lieblingsschüler Franz Schrekers folgt er seinem Lehrer nach Berlin an die Hochschule für Musik, wo er mit seiner Ersten Sonate für Klavier c-Moll op. 2 (1920) glänzend die Aufnahmeprüfung besteht. Die Universal-Edition Wien veröffentlicht die Sonate und nimmt den jungen Komponisten gleich für 10 Jahre unter Vertrag. Damit beginnt der geradezu kometenhafte Aufstieg von Karol Rathaus, der von bedeutenden deutschen Musikkritikern als „die größte Hoffnung der Neuen Musik“ (Walter Schrenk) gefeiert wird. Im Dezember 1926 präsentiert der gerade 20-jährige Dmitri Schostakowitsch dem Leningrader Publikum seine 1. Klaviersonate op. 12. Manche Parallelen zu der 3. Sonate von Rathaus sind erstaunlich: starke, treibende Motorik, schnelle Stimmungswechsel, komplexer und extrem virtuoser Klaviersatz, Freitonalität, wilde Großstadt-Stimmung. Dazu kommen die Cluster und das Element der Groteske.“


Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft intensiviert Mitgliederwerbung

 Im neuen Design präsentiert sich jetzt auch der Flyer der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft. Nach der Umgestaltung unserer Webseite, unseres Facebook-Auftritts sowie unseres Vereinssignets, wurden nun auch unsere Werbe- und Informationsmaterialien optisch aufgefrischt und inhaltlich überarbeitet. Mit Hilfe des neuen Flyers wollen wir verstärkt auf die Arbeit unserer Gesellschaft aufmerksam machen und unsere Bemühungen, neue Mitglieder und Sponsoren zu gewinnen, intensivieren.


Der Flyer enthält Informationen über Ziele und Geschichte unserer Gesellschaft, über den Vorstand und die Mitgliedschaft, über Leben und Werk von Dmitri Schostakowitsch, sowie eine Postkarte, mit der Sie die Aufnahme in unsere Gesellschaft beantragen können.

Unseren Flyer im pdf-Format zum Ausdrucken finden Sie hier  



Schostakowitsch und die beiden Avantgarden des 20. Jahrhunderts

Zweimal bekam Dmitri Schostakowitsch die Peitsche Stalins zu spüren, zweimal wurde ihm die Anwendung avantgardistischer Kompositionsmethoden und der Kontakt mit westlichen Komponisten verboten. „Formalismus“ und „Kosmopolitismus“ lautete 1936 und 1948 der Vorwurf gegen die sowjetischen Künstler. Wie Schostakowitsch darauf reagierte, mit Anpassung oder mit innerer Emigration, war lange umstritten. Die Deutsche Schostakowitsch Gesellschaft hat in bisher 19 Symposien der Erforschung der Musik von Dmitri Schostakowitsch gewidmet.

Im neu erschienenen Band 12 sind die Forschungsergebnisse der beiden Symposien gesammelt, die 2015 und 2017 in Berlin stattfanden und sich mit den vielfältigen Bezügen zwischen Schostakowitsch und den avantgardistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Unter der Lupe geben die Kompositionen oft erstaunliche Geheimnisse preis.

Vladimir Gurewitsch analysiert die atonalen und dodekaphonen Elemente in der Ersten Klaviersonate und deren Nähe zu Hindemith. Adelina Yefimenko findet Parallelen zwischen den ersten Sinfonien von Schostakowitsch und des Ukrainers Boris Ljatoschinski. Gottfried Eberle zeigt den biographischen roten Faden in den „Aphorismen“ samt deren Nähe zur Todesahnung des letzten Streichquartetts. Gerhard Müller erzählt von der Verbindung der Vierten Sinfonie mit der Ermordung von Maxim Gorki. 

Bernd Feuchtner verfolgt die Entwicklung der Tanztypen von der Ironie zum Sarkasmus. Olga Dombrowskaja berichtet von dem seltsamen Fall der Lieferung absichtlich „dekadenter Avantgardemusik“ für einen Film. Brigitte Kruse untersucht das Missverständnis der Darmstädter Schule gegenüber Schostakowitsch. Johannes Schild analysiert die Verwendung von Zwölftonmusik im Früh- und im Spätwerk: Schostakowitschs Zwölftonfelder sind etwas anderes als Weberns Zwölftonreihen. Elisabeth Wilson geht Schostakowitschs Beziehung zu den italienischen Avantgardisten Maderna und Nono nach. Manuel Gervink schlägt eine Brücke von Wolfgang Rihm zu Schostakowitsch. Und vieles andere.

Schostakowitsch und die beiden Avantgarden des 20. Jahrhunderts;  Schostakowitsch-Studien, Bd. 12; herausgegeben von der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft; 248 S., 32 Euro, ISBN:  978-3-95593-105-6. Erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag 

Info: Eine Übersicht über sämtliche in der Reihe "Schostakowitsch-Studien" erschienenen Bände mit den jeweiligen Inhaltsverzeichnissen finden Sie hier: 

 

Schostakowitschs Musiksprache - Kompositionstechniken und Narrative

20. Musikwissenschaftliches Symposium am 24./25. September 2021 in Berlin

  • Wegen der Corona-Pandemie und den hierdurch bedingten Einschränkungen mussten wir unser Raumkonzept nochmals überarbeiten. Alle Informationen zu unserem 20. Musikwissenschaftlichen Symposium finden Sie in unserem aktualisierten Veranstaltungsflyer. Zum Download klicken Sie bitte auf das Vorschaubild.

Schon zu Lebzeiten war der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch eine heiß umstrittene Figur. Seine Gängelung im Stalinismus und sein später Eintritt in die Kommunistische Partei samt der Übernahme hoher Funktionärsposten in Staat und Musikverwaltung führten dazu, dass manche seine Musik als veraltet und hohl klassifizierten. Wer aber genau hinhörte, wurde immer wieder irritiert: Erschien diese Musik nicht häufig als doppelbödig? Zeichnete sie nicht die Leiden der Menschen im angeblichen Sozialismus auf? Wer war dieser Komponist hinter seiner undurchdringlichen Maske wirklich?

In dem von Solomon Volkow 1979 in den USA unter dem Titel Testimony (Zeugenaussage) veröffentlichten angeblichen Memoiren Schostakowitschs stellte sich der alte Komponist als scharfer Kritiker des Stalinismus dar, der auch seine Musik so gehört haben wollte. Vor allem in den angelsächsischen Ländern toben deshalb die 40-jährigen „Shostakovich Wars“, in denen die Gelehrten sich etwa darüber streiten, ob Schostakowitsch „Stalins loyalster Sohn“ und seine 4. Sinfonie ein „Sowjetisches Credo“ gewesen sei. Leider ist das meist ein Krieg um Worte. Die Wahrheit ist, wie immer, sehr viel komplexer. Und wenn, dann kann sie nur in der Musik selbst gefunden werden.

In der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft hingegen haben sich nach der Wende 1990 Musiker, Musikwissenschaftler, Journalisten und Musikliebhaber zusammengefunden, um die Geheimnisse der Musik dieses faszinierenden Komponisten zu erforschen. Die Ergebnisse sind in den bisher zwölf Bänden der Schostakowitsch Studien gesammelt. Denn es ist doch die Musik, die die Menschen interessiert. Nach den Sinfonien und Konzerten waren es die Streichquartette, die international die Konzertprogramme erobert haben, und auf CD wird Schostakowitschs Schaffen auch in den anderen Genres immer breiter zugänglich. Auch bei ihrem 20. Musikwissenschaftlichen Symposium werden sich die Referenten bemühen, in die Details der Kompositionstechnik Schostakowitschs vorzudringen, um diese Musik, und damit auch ihre historische Bedeutung, besser zu verstehen.  Bernd Feuchter

  • Ausführliche Informationen zum 20. Musikwissenschaftlichen Symposium der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft finden Sie in  unserem aktualisierten Veranstaltungsflyer und auf unserer Übersichtsseite

Unser 20. Musikwissenschaftliches Symposium steht unter der Schirmherrschaft von Frau Heike Schmitt-Schmelz, Bezirksstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf

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